Drucken

Tag 5

Katharinaberg - Hochmuth

0:00h

0,0km

Dia Numero cinco.

Der Tag begann so wie der 4. aufgehört hatte. Nein, nicht mit 1500m Abstieg, sondern mit einem deftigen Mal vom Montferthof. Das Frühstück umfasste alles was man brauchte für die letzten Tage - also Brot, Marmelade, Kakao, Bauernschicken, Salami, Spiegeleier mit Speck und noch ein wenig mehr - kein Vergleich mehr mit dem Armenmahl auf 3000m.

Gestärkt, geduscht, gekämmt, obwohl eher nicht gekämmt nee, sollte der neue Tag beginnen. Kamerad Chris bevorzugte jedoch noch ein Gut vom letzten Tag mitzunehmen: Die Blasen! Also wurde sich erst mal fachmännisch selbst verarztet und alle Bestände an Blasenpflastern, die halb Russland hätten versorgen können, aufgebraucht. Ein Indianer kennt halt kein Schmerz...aber Pflaster. Wir verließen den urischen, schönen und uns umsorgenden Montferthof, welcher nebenbei erwähnt im Sanitärbereich vollkommen modern ausgestattet war (zum Beispiel endlich mal eine Toilette die nicht auf Kinderhöhe hing, wie geil ist das denn?!). Und so sollte es nach bezahlten 50 € pro Person ganz nach dem Motto „kein Aufgeben kein Rückzug" in den letzten Tag gehen.

Doch Chris Gesicht ließ nichts Gutes vermuten. Dabei waren nicht die Blasen das Problem, diese wurden männlich akzeptiert, sondern Kollege Schlatter...Morbus Schlatter. Der war nun mit dem gestrigen Tag gar nicht einverstanden und beschloss dem Chris das Öl aus dem Knie abzuziehen. Danach lief nichts mehr wie geschmiert. Und so kam es wie es kommen musste. 2 Etappen vor Schluss musste das Kollektiv Ostberlin einsehen, dass ein Fortführen des Weges unter diesen Umständen nicht möglich war. Doch wie heißt es im Film so schön: „Lass mich hier, die Mission ist wichtiger". So trennten sich unsere Wege auf der Höhe Katharinenberg. Huckelberry Borngräber schlug sich nun tapfer zum Dorfbus den Berg herunter und Finn Kaiser beschloss noch ein wenig Berliner Charme auf dem nördlichen Meraner Höhenweg zu versprühen. Noah hatte keine Wahl, aber was wäre schon ein Wanderstock ohne Wandern? Man beschloss sich morgen Abend am Donnerstag in Meran zu treffen um einen letzten Tag der Ruhe dort zu verbringen.

Kurz vor 12 machte ich mich also auf den Weg zu meinem heutigen Etappenziel die Nassereithhütte. Schon ein paar Minuten später traf ich anscheinend alte Bekannte wieder. Jedenfalls meinten sie mich zu kennen (mag wohl am leichten Jesus-Einschlag meinerseits gelegen haben). Dann wieder ein ganz normales Berggespräch. Woher, wohin und überhaupt! Meine eiskalte Antwort: „Wir wollen erst mal zum Giggelberg" Moment mal, WIR? Ja, da haben die Teambuilding-Maßnahmen so gefruchtet, dass man sich selbst allein fürs Team hält. Was die Alten von mir bloß gedacht haben mögen? Naja...Kaiserplural halt...für mich normal, für andere schizophren. Jedenfalls wünschten Sie mir alles Gute und viel Spaß beim Durchqueren der 5 Schluchten. Ich dacht mir „jaja, die Alten, so wie die hier rumschnaufen, ist schon ein Maulwurfsbau für die ne' Schlucht". Ja und dann kamen die „Maulwurfsbauten"...und der Kaiser starb tausend kleine Tode.

Nach dem gestrigen Tag waren knapp 100m runter und danach gleich wieder 100m hoch auf einer gefühlten Länge von 200m einfach zerstörerisch. Zu mal einem schon wieder langsam aber sicher die Meraner Sonne im Nacken stand und mit 30°C ihren Spaß hatte. Der Clou ist, dass zwei dieser Schluchten gleich nach einander kamen...wo ist mein Sauerstoffzelt...Wasser...Kuchen...Obst...arghhh...ich roll mich den Rest - Mist, das klappt bergauf nicht! Übrigens ein weiterer Vorteil von zu zweit wandern. Man muss nicht immer sein Rucksack fürs trinken abnehmen, denn das nervt nach dem 3. Mal schon ziemlich. Im Endeffekt weiß ich nicht mehr ob es nun 4 oder 5 Schluchten waren. Aber eins weiß ich sicher...es war Mord, auf eine ganz ekelhafte Weise. Ich erreichte meine Zwischenstation Giggelberg und fragte bei Vorübergehenden nach der Zeit. Die bekam ich auch ca. 15:30, und man rief mir noch das Datum hinterher. Ich muss also nach richtigem Wanderer ausgesehen haben. YEAH! Dann gab es Lebenselixier. Das gute Skiwasser und eine Erdbeerrolle die mit 2.30 spottbillig (da verdammt groß), total lecker und absolut nötig war. Dann ging es weiter auf im Wir-Gefühl zu meinem eigentlichen Tagesziel, der Nassereithhütte. Wie gesagt...eigentlich. Ich war gut in der Zeit und beschloss schon unterwegs, dass ich noch weitergehen wollte. Und das war auch gut so. Denn da war es wieder...unser gutes altes Hüttenglück: Die Hütte war zu! Langsam beschlich mich das Gefühl, dass es grundsätzlich einfach besser ist mehr Zeit für die Hüttensuche einzuplanen, jedenfalls wenn man so wie wir erst abends einkehren möchte, denn die liegen ja nicht gerade nahe bei einander. Mein neues Ziel Tablander Alm entpuppte sich als kleine Hütte die wirklich nur Notschlafplätze bereit hält, verdammt. Die Wirtin war jedoch sehr nett und erfreute mich mit der Auskunft, dass es nur noch 1,5 Stunden wären bis zum Hochganghaus, für so einen jungen Herren. Junger Herr?! Na wenn die wüsste. Also machte ich mich kurz vor 17 Uhr schnurstracks auf den Weg zum Hochganghaus, voller Enthusiasmus den letzten Tag auf dem höchsten Punkt des nördlichen Höhenweges zu verbringen. Nach fast genau 1,5 Stunden war es dann endlich so weit und ich erreichte das Hochganghaus gegen 18:30. Meine Knie noch vom Vortag geschunden, sehnten sich nach dieser Pause und meine Kehle zog mich förmlich zur Apfelschorle die sie dann in gefühlten 0,13256 Sek. vernichtete. Aber irgendwie sagte mir das Ambiente für einen letzten Abend nicht zu. Wieder waren es Mehrbettzimmer, das Haus war alles andere als modern (nebenan wurden neue gebaut)und das Essen war nun auch das was ich schon die ganze Woche gesehen habe. Aber als viel enttäuschender empfand ich, dass man einfach nicht so einen schönen Talblick hatte, welches zu dieser Abendstunde wunderschön aussah. Und so hatte ich mir meinen letzten Abend nicht vorgestellt, was natürlich allein auf mein subjektives Gefühl zurückgeht. Also gegrübelt und ein Corny gegessen, was am letzten Tag wirklich alles andere als lecker ist. Ich musste abwägen zwischen weiterlaufen, unter der Vortageserfahrung eventuell nur noch schwerlich ein Schlafplatz zu finden und unter der Angst kein letztes Abendmahl zu bekommen oder, hier zu bleiben und den letzten so schönen Sonnenabend mit zu vielen fremden Leuten zu verbringen, auf zu engem Raum, mit zu wenig Talblick und Essen, dass ich einfach nicht mehr sehen konnte (nicht vergessen...es war ja eigentlich Entspannungsurlaub und mein letzter Tag, übernächsten morgen würde ich schon wieder in Berlin aufwachen) - dafür aber endlich die schmerzenden Knie und die pumpende Lunge beruhigen zu können. Unter der Vermutung, dass ich es bis zum Gasthof Hochmuth bis kurz vor 21.00 Uhr schaffen müsste und dass es da so etwas wie ein Restaurant geben müsste, machte ich mich also voller Hoffnung auf den Weg und freute mich die zu laute und große Meute hinter mir gelassen zu haben. Der Weg nach Hochmuth wurde anfangs noch mal ein wenig beschwerlich, da es eine lang gezogene Bergabpassage mit so einer Art künstlichen Stufen gab zur besseren Haltbarkeit, welche allerdings meine Knie zum Singen brachten. So ließ ich mir innerhalb von 20min ca. 119 Arten zu Laufen einfallen, damit die Knie nicht mehr so einer Belastung ausgesetzt sind. Letztens Endes hatte sich dann unter Abwegen vom Weg-Zeit-Gedanken doch das gute alte Geradeauslaufen bewährt. Na mehr als einer Stunde kam ich an einem Gasthof der schön gelegen war und nicht voll von Leuten. Doch der Gedanke es an diesem Tag bis Hochmuth zu schaffen hatte sich bereits festgebissen. Und so wanderte ich den letzten Part von Hochgang nach Hochmuth am Hang (also einem wirklich ordentlichen Hang) entlang, mit einem wunderschönen Blick auf das Etschtal im Licht der Abendsonne welche sich durch die Gewitterwolkentürme gekämpft hat. Um mich alleine bei Laune zu halten sprach ich mit Noah und imitierte einen wütenden Franzosen im Gespräch mit einem Amerikaner. Als ich glaubte wirklich allein auf weiter Flur zu sein, hab ich auch gesungen...bis eine Dame, die mich wohl für gaga hielt, mit ihrem Hund Gassi ging. Gassi gehen am Hang auf knapp 1300m - nee ist klar, ich bin hier gaga! Und als ich gerade noch dachte, dass es nicht mehr weit sein kann bis zur Zivilisation, entdeckte ich ca. 80m Luftlinie unter mir den Gasthof Hochmuth! Und er sah nicht voll aus...

Wie gesagt...sah! Ich fragte die absolute nette Kellnerin/Rezeptzionistin nach einem Zimmer. Und ihr Blick verriet nichts Gutes. Sie holte Luft und sagte: Ein Notzimmer wäre noch frei, ohne Toilette und ohne Dusche! Eine Toilette gab es allerdings im Keller und das Zimmer kostete mit Frühstück nur 25€. Also beschloss ich, es mir anzuschauen und war natürlich sofort verliebt. Ein winziges Zimmer mit schön gemachten Bett und kleinem Waschbecken - mit diesen kleinen Hotelseifen- nur für mich. Dazu ein Teil eines riesigen Balkons. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Da ich sogar noch bis um 21:00 Uhr Essen bekommen sollte, es war 20:45, beschloss ich mir die Dusche am nächsten Tag im Schwimmbad von Dorf Tirol abzuholen und die Nacht hier zu verbringen. Und ich war überglücklich damit. Schnell bei der Kellnerin das Schweinesteak mit Rösti, Salat und Kräuterbutter (vom Dressing bis zur Kräuterbutter alles selbst gemacht und total lecker) geordert, dazu Wasser und Wein für knapp unter 20€ geordert und den Ausblick bei lauwarmen 25° in einem Liegestuhl genossen. Unbeschreiblich schön! Dieses verwackelte Foto kann leider nur einen kleinen Eindruck geben - in dem Moment war ich irgendwo schon traurig nicht die große Kamera mitzuhaben, besonders als der Akku schlapp machte - aber unbeschreiblich schön kann man ja auch faktisch gar nicht beschreiben. Die Kellnerin aus Slowenien brachte mir das Essen vom slowenischen Koch. Überhaupt arbeiten in Südtirol viele Slowenen. Aber mit klarem Vorteile für Südtirol. Denn sie sind so was von gastfreundlich und zuvorkommend wie man es woanders oft vergebens sucht. Und so haben mich die Kellnerin und der Koch, weil ich allein unterwegs war, zu einem netten Plausch mit einem Obstler eingeladen, nachdem ich bis um fast 22:30 im Liegestuhl die Schönheit der Umgebung genossen habe unter den Klängen des David Orlowsky Trios. Gegen zwei Uhr sind wir dann alle ins Bett und haben dort beruhigt geschlummert bis die Morgensonne hinter den Bergen aufging und endlich das reichhaltige Frühstück anstand, mit einem letzten Blick von der Terrasse ins Tal.

Um ca. 10 Uhr verließ ich am 6. Tag den Gasthof in Richtung Longfall, wo unsere Reise auf dem Höhenweg begann. Und nun merkte ich was es heißt als anscheinend nahezu Erster durch ein dicht bewachsenes Stück Wald zu laufen. Spiderman wäre neidisch, hätte er gesehen wie viele Spinnennetze ich im Petto hatte. Umso mehr freute ich mich auf den Besuch des Schwimmbads. Und nach weniger als 2 Stunden war es dann auch so weit. Ich erreichte den Longfallhof, welcher heute geöffnet war. Ich gönnte mir noch ein großes Glas Holunderschorle und philosophierte mit dem Hofherrn über Getränkepreise in den Bergen (er wollte gleich die Benchmarks vom Berg haben), Österreicher, Deutsche, Italiener und deren Kaffeetrinkgewohnheiten. Danach ging es den Weg zurück ins Dorf Tirol, also die gut 400m die uns am ersten Tag bei knapp 30°C an den Rande unserer Reserven brachten, diesmal jedoch herunter. Nun war ich auf der grinsenden Seite und lief beschwingt herunter, während die anderen Touris bergauf sich und ihre dicken Kinder scheuchten und dabei mir verschwitzt entgegenschnauften. Da konnte ich mir natürlich das total lockere und lächelnde „Grrrüüüeß die" wahlweise auch „Ciiiaaoo" nicht verkneifen. Nach einer weiteren halben Stunde erreichte ich das Schwimmbad im Dorf Tirol. Trotz voller Montur und Bart erhielt ich Einlass, gönnte mir eine wohlige Dusche und schloss unsere Reise für mich und Chris mit einer tollen Aussicht auf die Italienerin ab. Ähh die Berge der Italienerin...ähh...also die italienischen Berge. Wie auch immer, einfach traumhaft schön und bei jetzt angenehmen 32°, da ja hinter mir das Schwimmbecken wartete. Danach Sachen von der bezaubernden Bardame geholt - der Rucksack war zu groß für die Schränke - ein wohlverdientes Eis geordert und Chris mit offenen Armen in Empfang genommen. Was ein Spaß!!

PS: Ihr wisst noch, dass ich sagte wir wollten uns ein Tag später am Donnerstag treffen? Ja haben wir auch! Bloß, dass der Donnerstag ein Mittwoch war, wir also vollkommen die Zeit vergessen haben und uns so um einen Tag geirrt haben. Besser kann man den Wert dieser kleinen aber feinen Reise nicht beschreiben.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 17. Oktober 2009 um 13:18 Uhr